(1) WAS ICH ÜBER MACHT GELERNT HABE, HABE ICH NICHT ERST IM JOB GELERNT.

Wenn ich heute mit Klienten über schwierige Führungskräfte spreche, über subtile Abwertung oder über das Gefühl, klein gehalten zu werden, dann geht es selten nur um den aktuellen Arbeitsplatz. Sehr oft geht die Geschichte viel weiter zurück.

Ich weiß das nicht nur aus meiner Arbeit. Ich weiß es auch aus eigener Erfahrung.

Meine ersten Begegnungen mit Machtmissbrauch hatte ich nicht im Beruf, sondern in der Schule. Lehrer, die einzelne Schüler vor der Klasse bloßgestellt haben. Situationen, in denen  Leistungen öffentlich infrage gestellt wurden. Nicht im Sinne von konstruktivem Feedback, sondern als Bühne für Abwertung. Ich habe erlebt, wie Noten diskutiert wurden, als wären sie ein öffentliches Urteil über den Wert als Person.

Besonders prägend war dabei nicht nur das Verhalten selbst, sondern die Tatsache, dass die Schüler sich nicht wehren konnten und noch schlimmer, die Mitschüler waren entweder schadenfroh oder schwiegen hilflos. Wer etwas sagte, riskierte Konsequenzen. Wer schwieg, trug es allein.

Gleichzeitig gab es die soziale Ebene. Freundschaften, die plötzlich kippten. Hinterrücks wurde gelästert, Dinge wurden ins Lächerliche gezogen. Einzelpersonen wurden zur Zielscheibe gemacht. Nicht schleichend, sondern direkt und sichtbar, für alle.

Aus der Forschung weiß man heute: Solche Dynamiken sind kein Zufall. Studien aus der Psychologie zeigen, dass soziale Hierarchien in der Schule oft über Abwertung und Ausgrenzung stabilisiert werden. Manche sichern ihren Status, indem sie andere schwächen, andere machen mit, weil sie selbst dazugehören wollen oder ignorieren es hilflos.

Das ist schmerzhaft, aber es ist auch ein Lernfeld. Nur leider oft das falsche.

Denn was Kinder und Jugendliche dabei lernen, ist nicht nur, wo sie stehen. Sie lernen, wie Macht funktioniert, wer sie hat, wer sie nicht hat und was passiert, wenn man sie infrage stellt.

Viele Jahre später saß ich dann in Unternehmen und dachte: Das kenne ich doch.

Da waren Vorgesetzte, die sich mit fremden Leistungen schmückten. Situationen, in denen Arbeit unsichtbar gemacht wurde, während andere dafür Anerkennung bekamen. Entscheidungen, die nicht nach Leistung getroffen wurden, sondern nach Nähe, Loyalität oder ganz anderen Interessen.

Auch hier gab es wieder dieses Gefühl von Abhängigkeit. Und wieder die gleiche stille Frage: Sage ich etwas oder sichere ich mich ab, unterstütze ich oder ignoriere ich.

In der Organisationspsychologie gibt es klare Begriffe dafür, etwa „Abusive Supervision“ oder „Workplace Bullying“. Gemeint ist genau das, was viele erleben, aber selten so benennen: Führung, die nicht stärkt, sondern klein hält.

Was mich heute daran besonders interessiert, ist weniger die einzelne Situation, es ist das Muster dahinter.

Ich sehe immer wieder, dass Menschen bestimmte Strategien sehr früh lernen. Einige lernen, sich anzupassen, Leistung zu bringen und Konflikte zu vermeiden. Andere lernen, sich durchzusetzen, sichtbar zu sein und notfalls über andere zu gehen.

Beides kann funktionieren, aber nur eines funktioniert langfristig gut.

Denn was in der Schule manchmal noch als Durchsetzungsstärke gilt, wird im Job schnell zum Problem. Offene oder subtile Abwertung zerstört Vertrauen. Das Aneignen fremder Leistung untergräbt jede Form von Zusammenarbeit. Machtspiele kosten Energie, die eigentlich für gute Arbeit gebraucht wird.

Was dabei oft unterschätzt wird, ist die Langzeitwirkung. Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach. Sie setzen sich fest. In Form von Selbstzweifeln, übermäßiger Anpassung oder dem Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen.

Ich habe mich selbst über lange Zeit sehr intensiv damit auseinandergesetzt, diesen alten Ballast zu verstehen und Schritt für Schritt loszulassen. Das war kein schneller Prozess und auch kein rein rationaler. Es ging nicht nur darum zu wissen, was passiert ist, sondern die Wirkung davon wirklich zu verändern.

Genau hier setze ich heute auch in meiner Arbeit an.

Es gibt wirksame Wege, solche Prägungen zu lösen. Coaching kann helfen, Muster sichtbar zu machen und neue Handlungsoptionen zu entwickeln. Methoden wie Hypnose oder andere tiefgehende Ansätze arbeiten auf einer Ebene, auf der diese Erfahrungen oft gespeichert sind. Dort, wo reine Einsicht allein nicht ausreicht.

Ich sehe immer wieder, wie sich dadurch etwas verschiebt. Menschen gewinnen wieder Zugang zu ihrer eigenen Stärke. Sie lernen, sich klarer abzugrenzen, und vor allem hören sie auf, das Verhalten anderer automatisch auf sich selbst zu beziehen.

Das ist für mich der entscheidende Punkt.

Nicht, ob wir solche Situationen erlebt haben, sondern ob wir bereit sind, uns davon zu lösen und etwas Eigenes daraus zu entwickeln.

Denn anders als in der Schule haben wir heute Möglichkeiten. Wir können hinschauen, wir können verstehen, und wir können verändern, wie wir mit uns selbst und mit anderen umgehen.

Wenn ich heute auf meine Erfahrungen zurückblicke, dann sehe ich nicht nur das, was schwierig war. Ich sehe auch, was daraus entstanden ist. Ein sehr klares Verständnis dafür, wie sich Macht anfühlt, wenn sie missbraucht wird und wie wichtig es ist, sie anders zu nutzen.

Genau das möchte ich weitergeben, die Ermutigung, dass alte Erfahrungen nicht das letzte Wort haben müssen und die Fähigkeit, sich davon zu lösen und den eigenen Weg bewusst neu zu gestalten.

Was mir passiert ist, geschieht jeden Tag – gestern, heute, morgen. Und oft bleibt es still, weil von außen selten jemand eingreift und das Ausmaß kaum erkennbar ist, sodass Veränderung meist bei einem selbst beginnt.

Im zweiten Teil gehe ich stärker auf die systemischen Hintergründe ein.

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